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Julius ist seit 2025 der Techniker der Polarforschungsstation „Sermilik“ der Universität Graz. Als Inuk aus Tasiilaq ist Julius durch seine Ausbildung zum Elektriker und wegen seiner großen Leidenschaft für die Natur der ideale lokale Partner für die Polarforschung. Sein Temperament ist wirklich ansteckend!

Ich durfte Julius im Rahmen meines Aufenthalts an der Station im Sommer 2025 kennen lernen. Er gab Einblicke in seine täglichen Aufgaben auf der Sermilik-Station, wo die Temperaturen tief sein können und die Bedingungen oft unvorhersehbar sind. Julius betonte, wie wichtig es sei, die unberührten Polarregionen zu erhalten und gleichzeitig unser wissenschaftliches Wissen zu erweitern. Sein Engagement erinnert uns daran, wie unersetzlich solche Forschungen sind – nicht nur für den wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch für die Sicherung der Zukunft unseres Planeten.

Julius Nielsen, Stationstechniker an der ersten Österreichischen Polarforschungsstation „Sermilik“ (© Christoph Ruhsam, www.pure-landscapes.net)

Forschungsbereiche an der Station

Seit der Voreröffnung der Sermilik-Station im September 2023 hat sich das Stationskonzept bestens bewährt. Die Station unterstützt eine Vielzahl von Forschungsbereichen, darunter Glaziologie, Meteorologie, Biologie, Chemie, Meeresforschung und Sozialwissenschaften. In der Nähe der Station wurde bereits die Vielfalt der Flechten und Moose angesehen und Pilzinfektionen an Pflanzen, insbesondere an Weiden, untersucht sowie eine bisher unbekannte Flechtenart gefunden, die Gegenstand weiterer Forschungen der Universität Graz sein wird. Ein Grundprinzip der Station ist die enge und respektvolle Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, sowohl für aktuelle als auch für zukünftige Forschungsprojekte. Zum Beispiel wurden zum Wohle der Menschen von Tasiilaq im interdisziplinären Forschungsprojekt Snow2Rain durch das Vereinen der Stärken der Sozial- und der Naturwissenschaften neue und unterschiedliche Arten von Wissen über Umweltveränderungen geschaffen.

Kennenlernen mit einem Déjà-vu

Ich sprach das erste Mal mit Julius im Rahmen von Verladetätigkeiten auf dem Hubschrauberlandeplatz von Tasiilaq . Während unseres Gesprächs erwähnte er kurz, dass er in Tiniteqilaaq – oder „Tinit“, wie die Einheimischen es nennen – geboren wurde und dort seine ersten Lebensjahre verbracht hatte, bevor er im Alter von 12 Jahren umzog. Sein Name, das ungefähre Alter und der Name des Dorfes, in dem er aufgewachsen war, machten mich hellhörig. Während einer privaten Trekking-Expedition im Jahre 1990 mit meiner Frau und einem Freund kamen wir durch Tiniteqilaaq und schlugen unsere Zelte an der geschützten Küste außerhalb des Dorfes auf. Zwei neugierige Jungen ruderten in einem kleinen Holzboot zu uns herüber und beobachteten uns. Mit ein paar grönländischen Begriffen aus einem Wörterbuch fragte ich sie nach ihren Namen. „Ich bin Christoph. Wie heißt du?“ Der Ältere, Julius, antwortete zuerst, und sie setzten sich neben mich auf einen grasbewachsenen Abhang. An diesem schönen Spätsommerabend verständigten wir uns mit Händen und Füßen, während wir nach jemandem mit einem Boot suchten, der uns über den schmalen Sund zur Hauptinsel Ammassalik bringen konnte.

Könnte nun dieser hier „der“ Julius aus dem Jahr 1990 sein? Ich bat meine Frau, mir ein bestimmtes Foto aus den Dias von damals zu schicken. Als Julius das Foto auf meinem Handy sah, zeigte sein Gesichtsausdruck Überraschung und Freude, weil er sich selbst als den Jungen erkannte, der er 1990 gewesen war. Ich konnte kaum glauben, dass er es wirklich war, der jetzt als Stationstechniker hier arbeitete. Für mich war das eines der unglaublichen Erlebnisse, die es im Leben manchmal gibt.

Das Interview

Ich habe Julius um ein Interview gebeten, um mehr über seine Motivation und seine Erwartungen für die Station zu erfahren.

Interview with Julius Nielsen, Inuit Stationstechniker der Sermilik Polarforschungsstation (© Christoph Ruhsam, www.pure-landscapes.net)

Zugehörige Termine:

Vom 27. bis 29. Mai 2026 findet der Workshop „Die Sermilik-Station aus arktischer Perspektive“ an der Universität Graz statt. Vollständiges Programm und Anmeldung hier.

Julius ist im Technischen Museum Wien in der Dauerausstellung Wissenschaft im Wandel im Bereich der Polarforschung mit Bild und Audiostation mit dem Interview vertreten. Herzliche Einladung ins Museum!

Julius: Ich bin Julius Nielsen, 47 Jahre alt, geboren in Tinit, und lebe jetzt mit meiner zweiten Frau und meinem jüngsten Sohn in Tasiilaq. Die Nielsens waren eine bekannte Jägerfamilie in Tinit. Als Teenager verließ ich Tinit, um die öffentliche Schule in Tasiilaq abzuschließen. Dann zog ich für ein Jahr nach Dänemark, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern.

APRI: Wie hast Du deine berufliche Ausbildung zum Elektriker absolviert?

Julius: Ich bin für meine Ausbildung zum Elektriker in die grönländische Hauptstadt Nuuk in Westgrönland gezogen. Sie dauerte fast fünf Jahre, einschließlich einiger Zeit in Dänemark. Anschließend sammelte ich über drei Jahre Berufserfahrung in Nuuk, bevor ich nach Tasiilaq zurückkehrte, wo ich als Elektriker bei einer Baufirma arbeitete.

APRI: Erzähle uns bitte mehr über deine Verbindung zur Sermilik-Station und wie du dich für die Stelle als Techniker beworben hast.

Julius: 2006 traf ich die Entscheidung, meinen Job in der Baubranche aufzugeben und etwas zu suchen, was meiner wahren Identität besser entsprach: die Arbeit in der Natur. Ich begann zu fischen und zu jagen. Außerdem begann ich als Touristenführer zu arbeiten. Aber ich musste mein Englisch verbessern. Auf diese Weise konnte ich mehr im Tourismusbereich arbeiten. Das Einkommen reichte nicht immer aus, daher arbeitete ich auch als Allround-Techniker bei verschiedenen Unternehmen. Ich arbeitete als Koordinator und Sicherheitsbeauftragter für ein Bergbauunternehmen im Nordosten Grönlands. In den letzten zwei Jahren war ich als Fischer auf einem Trawler eines grönländischen Unternehmens tätig. Viele Monate lang arbeitete ich in Svalbard, weit weg von zu Hause. Dazu gehörte auch die Arbeit am Filmset von „Mission Impossible“, wo die Schlüsselszenen mit einer CIA-Abhörstation gedreht wurden. Diese Szenen wurden auf der Suche nach einem vermissten U-Boot gedreht. Das war sehr aufregend und interessant, aber die kürzliche Geburt meines jüngsten Sohnes bedeutete, dass ich einen Job näher bei meiner Familie finden wollte.

Ich wusste schon seit vielen Jahren von der Sermilik-Station, aber ich wusste nicht, was dort vor sich ging. Im Jahr 2024 informierte mich Line, eine im Tourismus tätige Dänin aus Tasiilaq, die auch Bootsdienste für die Station organisiert, dass die Universität Graz einen Stationstechniker suchte. Sie stellte mich dem Initiator der Station, Wolfgang Schöner, und dem technischen Planer, Robert Galovic, vor, die beide an der Universität Graz arbeiten. Wir tauschten uns aus, woraufhin Wolfgang mich überzeugte, mich für die Stelle zu bewerben, was ich eher aus Neugierde tat, als dass ich ernsthaft damit rechnete, sie zu bekommen. Ich wurde ausgewählt. Das weckte mein Interesse an der Forschung immer mehr. Ich wollte auch wissen, wie ich die Station betreiben könnte. Meine Frau ist sehr glücklich darüber, dass ich nun länger bei meiner Familie sein kann, weil ich nicht permanent dort stationiert sein muss.

APRI: Kannst du mehr über deine Aufgaben an der Station erzählen?

Julius: Das wird sich in den kommenden Jahren weiter entwickeln. Ich muss auf jeden Fall die Station im Frühjahr vorbereiten, bevor die ersten Forschenden eintreffen. Während der Hauptforschungssaison bin ich dafür verantwortlich, eine ausreichende Wasserversorgung aus den umliegenden Bächen und Schneefeldern sowie eine ausreichende Stromversorgung aus Photovoltaikmodulen, die einen großen Batteriespeicher speisen, sicherzustellen. Wenn das nicht ausreichen sollte, werde ich auch dafür sorgen, dass die Diesel-Notstromaggregate ordnungsgemäß funktionieren. Wenn etwas kaputt geht, muss ich das Problem lokalisieren und entweder selbst reparieren oder die Reparatur mit Fachleuten in Tasiilaq koordinieren. Da ich mein eigenes Boot habe, bin ich flexibel, Ersatzteile zu besorgen und persönlich mit Unternehmen in Tasiilaq zu sprechen. Ich muss die Gewehre für den Schutz vor Eisbären vorbereiten und sicherstellen, dass sie in einem guten Zustand sind. Wenn die Forschenden Hilfe oder spezielle Werkzeuge benötigen, die in der Station nicht verfügbar sind, bin ich die erste Anlaufstelle für sie. Bevor die Wintersaison beginnt, muss ich die gesamte Station für den Winter vorbereiten: die Rohre entleeren, den Energieverbrauch reduzieren und sicherstellen, dass die Heizungsanlage funktioniert.

“ In der arktischen Natur zu sein ist meine Identität. Ich habe mein eigenes Hundeschlittenteam. Acht bis vierzehn Hunde sind ideal, um über die Insel zur Station zu gelangen.”

Julius Nielsen

Ein Eisbrocken am Strand in der Nähe der Station (© Christoph Ruhsam)

APRI: Wie lernst du alle deine Aufgabengebiete kennen?

Julius: Es ist sehr wichtig direkt von den Fachleuten über die installierten Geräte, die Lage der Rohre und Kabel und die Funktionsweise der verschiedenen Ausrüstungsgegenstände zu erfahren. Meine Ausbildung und Erfahrung als Elektriker bilden zwar eine solide Grundlage, aber meine langjährige Erfahrung mit der Natur, dem Wetter, den Meeresströmungen und den Eisbedingungen in der Arktis wird ebenfalls von großer Bedeutung sein. So kann ich beispielsweise die Forschenden beraten, wie sie die Station am besten erreichen, und bei Bedarf als Führer fungieren.

Julius @Work an der Station (© Christoph Ruhsam)

APRI: Was könnten für dich die schwierigsten Situationen an der Station werden?

Julius: Die gefährlichsten Situationen sind sicherlich solche, in denen Menschenleben aufgrund von Unfällen oder Angriffen durch Eisbären in Gefahr sind. Eisbären leben das ganze Jahr über im Sermilik-Fjord. Die Wahrscheinlichkeit, ihnen an der Station zu begegnen, ist jedoch gering. Sie haben Angst vor Menschen, können sich hervorragend verstecken und sind echte Profis darin, sich unter Wasser und hinter Eisschollen zu verstecken. Dennoch müssen die Forschenden vorsichtig bleiben. Im Winter könnten Eisbären die Station beschädigen, während sie unbesetzt ist.

Es könnte auch technische Probleme geben, die ich nicht selbst beheben kann oder die über die Möglichkeiten der lokalen Fachleute hinausgehen.

Das Wasser der Station muss vor dem Winter aus den Leitungen abgelassen werden, um Schäden durch Frost zu vermeiden. Die Stromversorgung, die die Batterien speist, muss die kritische Infrastruktur der Station im Winter über dem Gefrierpunkt halten. Die technische Komplexität ist jedoch hoch und erfordert möglicherweise kurzfristige Inspektionen und Reparaturen. Das ist für mich der interessanteste Teil.

APRI: Hast du einen persönlichen Wunsch für die Station?

Julius: Die lokale Inuit Bevölkerung hatte schon immer Schwierigkeiten zu verstehen, warum seit so vielen Jahren an der dänischen Sermilik-Station geforscht wird. „Was machen die hier?“ „Was ist daran so interessant?“ „Geht es um Gesteine oder um Bergbau?“

Blick von der Stationsterrasse (© Christoph Ruhsam)

Ich hoffe, dass es in Zukunft eine transparente Kommunikation mit der lokalen Inuit-Gemeinschaft geben wird. Sie haben das Recht zu verstehen, was getan wird. Kinder werden ihre Augen öffnen und eine bessere Ausbildung erhalten. Alle Generationen der Inuit sollten verstehen, was die Wissenschaft leistet, welche Erkenntnisse sie liefert und wie die Einheimischen davon profitieren können.

Media information

Verfasst von Christoph Ruhsam, APRI Media Officer.
Rückfragen: Nützen Sie unser Kontaktformular.
Fotos wenn nicht anders angegeben: © Christoph Ruhsam, www.pure-landscapes.net

Zugehörige Termine

Vom 27. bis 29. Mai 2026 findet der Workshop „Die Sermilik-Station aus arktischer Perspektive“ an der Universität Graz statt. Vollständiges Programm und Anmeldung hier.

Julius ist im Technischen Museum Wien in der Dauerausstellung Wissenschaft im Wandel im Bereich der Polarforschung mit Bild und Audiostation mit dem Interview vertreten. Herzliche Einladung ins Museum!

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