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Mitten in den Gedächtnisjahren zur Entdeckung von Franz-Josef-Land vor 150 Jahren durch die österreichisch-ungarische Payer – Weyprecht Expedition (1872 – 1874) wurde am 5. September 2023 die Polarforschungsstation Sermilik in Ostgrönland von einer Delegation der UNI Graz, dem APRI und JournalistInnen österreichischer Medien in Anwesenheit des Finanziers Christian Palmers offiziell voreröffnet. Es war ein historischer Moment für die österreichische Polarforschung!

Anreise

Tobias, ein ostgrönländischer Jäger, der uns im offenen Motorboot von Tasiilaq, dem ostgrönländischen Verwaltungszentrum, zur Station bringt, steuert das Boot geschickt über die Wellenberge, die aus dem offenen Nordatlantik anrollen. Die Fahrt entlang der Ammassalik-Insel in den Sermilikfjord zur gleichnamigen Polarforschungsstation dauert je nach Wetter 1 Stunde, vorbei an riesigen Eisbergen, die den Horizont bestimmen. Der Formenreichtum ist vielfältig: lange, flache Eisinseln erinnern an überdimensionale Containerschiffe; zerklüftete Eisberge mit Eissäulen und Durchbrüchen wecken die Vorstellung, dass sich daran die besten Künstler mit gewagten Formen verwirklicht haben.

Im Boot sitzen der Rektor der Universität Graz, Dr. Peter Riedler, der Leiter und Initiator des Stationsprojektes, Prof. Wolfgang Schöner, Robert Galovic, der für die technische Planung verantwortlich ist, und Roman Vilgut von der Medienstelle. Dem Finanzier des Projektes, Christian Palmers, sieht man die Freude an, dass das lange geplante Projekt nun zu seinen Ehren in einer Voreröffnung offiziell für die Polarforschung übergeben werden soll. Personen aus den österreichischen Medien – Paul Sihorsch (ORF), Andreas Puschautz (Kurier), Norbert Swoboda (Kleine Zeitung) und Christine Lugmayr (News) – werden in allen Kanälen entsprechend berichten. Die Station wurde seit 2021 (mit Covid-bedingten Verzögerungen) durch den Baumeister Lars Vestergaard aus Tasiilaq unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung für Boottransfers, Baumateriallieferungen und Handwerkstätigkeiten errichtet. Für ihn ist die Bootsfahrt Routine. Prof. Schöner repräsentiert nicht nur die UNI Graz sondern als Direktor des Austrian Polar Research Institutes APRI auch die Dachorganisation österreichischer Polarforschung. Als APRI Media Officer darf ich dieses besondere Ereignis miterleben. Passend zu dem nasskalten, bedeckten Septembertag werden Hauben mit dem UNI-Graz-Logo verteilt und vom APRI mit der Sermilik-Stecknadel ergänzt. Die Küste ist unglaublich beeindruckend mit alpin anmutenden Küstengebirgen und Gletschern. Am westlichen Ufer des Sermilikfjordes dominiert der weiße Horizont des Inlandeises. Trotz des grauen Himmels erahnt man die rötliche Farbe der Gneise, die die ostgrönländischen Berge in teilweise stark deformierten Lagen strukturieren. Hinter den niedrigen Felsinseln tauchen die Stationsgebäude langsam auf, die unter den Felshügeln nahe des Mittivakkat Gletschers liegen.

Das neue Stationsgebäude

Die Spannung steigt, als wir uns den Weg durch die Eisberge zum provisorischen Ponton-Landeplatz suchen. Wir legen die Schwimmwesten ab und steigen über den für Materialtransport errichteten Holzsteg zur neuen Hauptstation hinauf. Nördlich liegt das Hauptgebäude der dänischen Station für 6 Personen, das von der Universität Kopenhagen weiter betrieben werden wird. Die Nebengebäude sollen in Zukunft für einfache Labore und als Lagerraum genutzt werden. Baumeister Vestergaard öffnet uns die Türe zum neuen österreichischen Stationsgebäude. Prof. Schöner führt uns durch die beiden Stockwerke, die auf dem Kellergeschoß (als Lagerraum) errichtet sind. 

Nun verstehen wir besser, warum es eine Voreröffnungsfeier ist: Das äußere Gebäude ist fertig gestellt, aber die Innenräume sehen noch roh aus und müssen mit Holz und Gipskarton fertig gestellt werden. 3-Schichtfenster und die starke Dämmung der Wände werden den Energiebedarf soweit reduzieren, dass ein Betrieb auch im Winter möglich sein wird. Gleich hinter dem Eingang befindet sich der Raum zum Ablegen von Kleidung mit Trockenmöglichkeiten. Dahinter liegen die Gemeinschaftsküche und der große Wohnraum, die dem Wohlfühlen und den sozialen Aspekten der Station dienen werden. Die Modulbauweise mit thermischen Abschottungen erlaubt die Reduktion der beheizbaren Bereiche auf einen Kernbereich, damit auch im Winter mit reduzierter Belegschaft Forschung betrieben werden kann. Im Obergeschoß befinden sich die Schlafräume für 25 Personen, die mit Stockbetten ausgestattet werden. Eine Terrasse oberhalb des Eingangsbereiches wird nicht nur für Entspannung im Sommer sorgen, sondern auch sich nähernde Eisbären frühzeitig aus gesicherter Höhe erkennen lassen.

Voreröffnung

Den Beginn machte das Anbringen einer Metalltafel zu Ehren des Finanziers Christian Palmers. Er war sichtlich bewegt auf diese Weise geehrt zu werden und seinem Anliegen, einen dauerhaften Beitrag zur österreichischen Polarforschung zu leisten, einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Er erwähnte in einem persönlichen Gespräch, dass eine Station wegen der sozialen Dimension und zur Vernetzung der ForscherInnen eine für ihn wichtige Komponente darstelle. Die Idee kam ihm auf einer Antarktishalbumrundung, als er in der Scott Station stand und die Atmosphäre früherer Polarexpeditionen in der Enge des historischen Gebäudes wahrnahm.

„Eine wichtige Motivation für die Finanzierung der Station ist ihre soziale Dimension und die Erleichterung der Vernetzung der ForscherInnen untereinander.“

Christian Palmers

Die Eröffnungsworte sprach Dr. Peter Riedler, der als Rektor der UNI Graz auch als Vertreter der Betreiber der Station auftrat. Prof. Wolfgang Schöner ergänzte die Ansprache mit Einblicken in die Forschungsaufgaben in den Bereichen Kryosphärenforschung, Meteorologie und Ökologie. Ein wichtiger Punkt für die Wahl des Standortes war die von der Universität Kopenhagen seit den 1970er Jahren durchgeführte kontinuierliche Vermessung des Mittivakkat Gletschers, was die längste Messdatenreihe in Grönland darstellt. Genau beim Sektumtrunk mit einem „Cheers“ auf die Station kollabierte einer der Eisberge unmittelbar vor der Station und gab dem historischen Moment eine besondere Note, gleich einem Salutschuss.

Kurzvideo der Voreröffnung (© Christoph Ruhsam)

Forschungseinblicke

Nach einer Mittagsjause im Stationsgebäude wanderten wir zum nahegelegenen Sandstrand, der vom Gletscherfluss des Mittivakkat Gletschers durchflossen wird. Ältere Endmoränen markieren historische Gletscherstände bis in Meeresnähe. Seit den 1930er Jahren geht der Gletscherstand kontinuierlich zurück. Das fällt auch bei allen anderen kleineren Gletschern der Region auf. Viele sind, wie in den Alpen, am Verschwinden. Pioniervegetation aus Moosen und den in geschützten Bereichen kriechenden Polarweiden festigen das Gletschervorland, das sich ständig in Veränderung befindet. Weiter oben Richtung Gletscher wurden von Prof. Schöner im Overall Abflussmessungen im milchig trüben Gletscherbach durchgeführt, und es gab ausreichend Zeit für die JournalistInnen, die Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und dem schwindenden Eis zu erfragen. Aus Querschnitt und Geschwindigkeitsprofilen kann auf die Schmelzwassermenge geschlossen werden.

Am nächsten Tag, dem 6. September, erkundeten wir den Hann Gletscher, der an der Westseite des Sermilikfjordes vom Inlandeis in den Johan Petersen Fjord fließt. Prof. Schöner erklärte der Gruppe die Zusammenhänge der Energieflüsse am Eis mit den Anteilen aus der Atmosphäre, der Rückstrahlung (Albedo) und der langwelligen terrestrischen Strahlung, die den Haushalt von Gletschern und dem grönländischen Inlandeis bestimmen. Auch hier sind plötzlich österreichische Forschungsbezüge gegeben: Der Hann Gletscher ist zu Ehren von Julius Hann benannt. Dieser war um die Wende ins 20. Jhd. ein Pionier der Klimaforschung und Direktor der ZAMG (jetzt GeoSphere). Wir können die donnernde Kalbung von Eisbergen als Hintergrundgeräusche wahrnehmen. Sonst dominiert hier die Stille, unterbrochen von Naturgeräuschen.

Fertigstellung

Unmittelbar nach den Feierlichkeiten werden die Innenarbeiten wieder aufgenommen und die Elektrik installiert. Im Frühjahr erfolgt die Lieferung und Installation der Energieversorgungseinheiten in noch zu errichtenden kleinen Gebäuden vor der Station. Das Energieversorgungssystem aus 100 kWp Photovoltaik und 200 kWh Batterie wird in Kombination mit einem Generatorblock mit 100 kW Leistung im kommenden Frühjahr errichtet werden. Die Benutzung der Station ist ab Sommer 2024 vorgesehen und steht allen Personen frei, die nach entsprechenden Forschungsanträgen eine Bewilligung erhalten. Die internationale Zusammenarbeit soll damit gefördert werden. Dazu ist die Station auch bereits in einem neuen EU-Projekt verankert. Österreich setzt damit einen wichtigen Schritt, um seine Polarforschungstradition gerade im Jubiläumsjahr der Entdeckung von Franz-Josef-Land vor 150 Jahren fortzusetzen bzw. dauerhaft zu festigen.

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