Die Seismologie ist ein bodengestütztes Fernerkundungsverfahren, das es ermöglicht, weit entfernte Prozesse durch die Analyse der von ihnen ausgesandten seismischen Wellen kontinuierlich zu beobachten. Der Abfluss des Zackenberg-Flusses in Nordostgrönland wird seit drei Jahrzehnten durch klassische Abflussmessungen, die arbeitsintensiv und bei Hochwasser gefährlich sein können, überwacht. Mit dem neuen seismologischen Verfahren sollte der Zackenberg-Fluss „belauscht werden“, um die Skalierung zwischen seismischen Daten und Flussdaten zu bewerten.
Wie können Flüsse „belauscht“ werden?
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Umweltseismologie aufgrund technologischer und methodischer Innovationen an Popularität gewonnen. Der klassische Fokus der Seismologie hat sich von der Analyse diskreter Ereignisse, wie Erdbeben, hin zu ermergenten (sich entwickelnden) und kontinuierlichen Signalen erweitert, die in der Vergangenheit als seismisches Rauschen betrachtet wurden. Scales und Snieder (1998) stellten klar, dass seismisches Rauschen als „der Teil der Daten betrachtet wird, den wir nicht zu erklären versuchen.“ Diese daraus erfolgten Innovationen machten die lokale Überwachung verschiedener Umweltprozesse praktisch und wirtschaftlich machbar (Larose et al., 2015).
Der Abfluss und das Abflussverhalten von Flüssen sind grundlegende Variablen für die Überwachung, die sowohl für viele ökologische Prozesse als auch für industrielle Anwendungen von entscheidender Bedeutung sind. Die klassische Abflussmessung ist auf regelmäßige Messungen direkt im Fluss angewiesen, was arbeitsintensiv ist und bei Hochwasser gefährlich sein kann. Turbulente Wasserströmung regt seismische Wellen durch Kollisionen des Geschiebes und Reibung am Flussbett an, die von einer entfernten seismischen Station kontinuierlich aufgezeichnet werden können. Gimbert et al. (2014) stellten ein physikalisches Modell vor, das die Entstehung von seismischem Rauschen durch Flüsse quantitativ beschreibt. Sie zeigten, dass die turbulente Wasserströmung seismisches Rauschen im niedrigeren Frequenzband (~1–10 Hz) anregt, welches mit der Magnitude des Flussabflusses skaliert.
Mithilfe seismischer Flussüberwachung zielt das von der University of Sheffield (UK) geleitete GRuMPS-Projekt darauf ab, eine systematische, kontinuierliche und in Echtzeit ablaufende Abflussüberwachung der wichtigsten Gletschereinzugsgebiete rund um den grönländischen Eisschild zu implementieren. Die Gletscher dieser Einzugsgebiete enden sowohl an Land als auch im Ozean. Die Übertragung dieses innovativen Fernerkundungsverfahrens zur Abschätzung des Abflusses von im Meer endenden Auslassgletschern ist eine der größten Herausforderungen des GruMPS-Projekts. In der ersten Phase von GRuMPS werden seismische Stationen neben Flüssen mit bereits aktiver hydrologischer Überwachung installiert, um Installationsstrategien zu testen und die Skalierung zwischen seismischen Daten und Flussdaten zu bewerten. Eines dieser Testgebiete ist der Zackenberg-Fluss in Nordostgrönland, wo der Flussabfluss seit drei Jahrzehnten überwacht wird (Binder et al., 2026). Die Kontinuität und Qualität dieser langfristigen Überwachung wird durch ClimateBasis sichergestellt – ein Unterprogramm des grönländischen Ökosystem-Überwachungsprogramms (Greenland Ecosystem Monitoring) – und von Asiaq, einem GRuMPS-Projektpartner, verwaltet.
Der Zackenberg Fluss
Lage von Zackenberg Ecological Research Operations (ZERO) (© Google Maps)
Im Sommer 2021 wurden bereits im Rahmen des NOW-Projekts zwei seismische Stationen in der Nähe des Zackenberg-Flusses installiert. Erfreulicherweise sind diese beiden Stationen bis heute in Betrieb und wurden in das GRuMPS-Netzwerk integriert. Ende Juni 2026 verbrachten Kirsty Langley (Asiaq) und ich (Daniel Binder, Universität Potsdam) zwei Wochen auf der Forschungsstation Zackenberg, um zwei zusätzliche seismische Stationen für das GRuMPS-Projekt zu installieren. Da das NOW-Projekt im Jahr 2023 abgeschlossen worden war, hatten die bereits bestehenden Stationen in den letzten Jahren nur minimale Wartung erhalten; diese Reise bot eine hervorragende Gelegenheit, ein gründliches Service an den zwei Stationen durchzuführen. Die mit diesem Trip vier GRuMPS-Stationen sind in unterschiedlichen seitlichen Abständen zum Fluss (50 bis 400 Meter) positioniert und bieten eine solide Grundlage, um die optimale Aufstellungsdistanz in seismisch stark dämpfenden Umgebungen wie dem sedimentdominierten Zackenberg-Becken, zu bestimmen.
Die NOW-Flussmessstation, die seit dem Sommer 2021 in Betrieb ist und inzwischen als GRuMPS-Messstandort dient (© Daniel Binder)
Neben den GRuMPS-Installationen schlossen wir die jährliche ClimateBasis-Feldarbeit ab. Dies umfasste die Durchführung von Flussabflussmessungen mit einem akustischen Doppler-Strömungsprofiler (Acoustic Doppler Current Profiler) sowie die Wartung lokaler Wetterstationen und anderer Ausrüstung zur Umweltüberwachung. Das Gerät wurde vorsichtig quer über den Fluss geführt, um das Strömungsprofil über den gesamten Querschnitt zu erfassen und den Abfluss präzise zu bestimmen.

Abflussmessung am Zackenberg-Fluss mit einem akustischen Doppler-Strömungsprofiler (© Daniel Binder)
Synergien mit anderen Projekten
Schließlich unternahmen wir eine Wanderung zu der automatisierten Kamera, die den Freya-Gletscher überwacht, um ein anhaltendes technisches Problem zu lösen. Da der Gletscher noch stark schneebedeckt war, erkundeten wir eine gletscherfreie Route direkt zum Kamerastandort. Obwohl sie felsig und unwegsam war, erwies sie sich als eine gute, gletscherfreie Alternativroute.

Daniel Binder richtet die WLAN-Antenne der automatisierten Freya-Kamera für optimalen Signalempfang und zuverlässige Übertragung der Fotos aus (© Kirsty Langley)
Alles in allem war es ein weiterer fantastischer Aufenthalt in Zackenberg, der eine einzigartige Perspektive auf eine Jahreszeit bot, die ich so noch nicht erlebt hatte. Der einzige Nachteil zu dieser spezifischen Jahreszeit waren die Myriaden von Mücken, die eine Feldarbeit an windstillen, sonnigen Tagen ohne Kopfnetz absolut unmöglich machten.
Wir freuen uns schon sehr darauf, die eingehenden seismischen Daten des Zackenberg-Flusses zu analysieren, und hoffen, dass sie wesentlich zum endgültigen Erfolg des GRuMPS-Projekts beitragen werden.
Medieninformation
Verfasst von Daniel Binder
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Layout: APRI-Media-Team.
Fotos: Titelhintergrund und thumbnail ©Daniel Binder.
Über den wissenschaftlichen Autor
Daniel Binder ist Polarforscher und Mitglied des Austrian Polar Research Institute (APRI) in der Forschungsgruppe Hynek. Derzeit promoviert er am Institut für Geowissenschaften der Universität Potsdam. Sein Dissertationsprojekt mit dem Titel „Seismic characteristics of subglacial floods“ (Seismische Merkmale subglazialer Fluten) wird von Prof. Eva Eibl betreut.
Literatur
Binder, D., Langley, K., Larsen, S.H., Mastepanov, M., Abermann, J., Citterio, M., Eibl, E.P.S., Hammann, A.C., Hynek, B., Kjeldsen, K.K., Rudd, D.A., Schöner, W., Skov, K., Sørensen, E.V., Tamstorf, M., 2026. Three decades of high-Arctic river monitoring revealed no trend in runoff and a regime shift in glacial lake outburst floods. Journal of Hydrology: Regional Studies 66, 103651. https://doi.org/10.1016/j.ejrh.2026.103651
Gimbert, F., Tsai, V.C., Lamb, M.P., 2014. A physical model for seismic noise generation by turbulent flow in rivers. Journal of Geophysical Research: Earth Surface 119, 2209–2238. https://doi.org/10.1002/2014JF003201
Larose, E., Carrière, S., Voisin, C., Bottelin, P., Baillet, L., Guéguen, P., Walter, F., Jongmans, D., Guillier, B., Garambois, S., Gimbert, F., Massey, C., 2015. Environmental seismology: What can we learn on earth surface processes with ambient noise? Journal of Applied Geophysics 116, 62–74. https://doi.org/10.1016/j.jappgeo.2015.02.001
Scales, J.A., Snieder, R., 1998. What is noise? Geophysics 63, 1122–1124.
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