Dieser Beitrag widmet sich einem Thema, das an der Schnittstelle von Klimapolitik und Geopolitik liegt: dem arktischen Tiefseebergbau. Es ist eine Geschichte über das Aufeinandertreffen von technologischem Ehrgeiz, regulatorischer Unsicherheit, ökologischer Fragilität und klimatischer Dringlichkeit.
Doch was genau verstehen wir unter arktischem Tiefseebergbau? Gemeint ist der Abbau von Mineralen wie Mangan, Kobalt, Nickel, Kupfer, Seltenerdenelementen – nicht erneuerbare Rohstoffe, die für die Energiewende, die Digitalisierung und die Militärindustrie unverzichtbar sind. Abgebaut wird in oft mehr als 200 m Meerestiefe. Diese Rohstoffe befinden sich in polymetallischen Knollen, kobalthaltigen Krusten und hydrothermalen Sulfidlagerstätten, die über den arktischen Meeresboden verteilt sind. Was unterscheidet die Arktis von anderen Ozeanregionen? Die arktischen Gewässer waren lange Zeit durch die Eisdecke geschützt. Doch mit der Erwärmung des Planeten und dem Rückgang des Meereises werden bislang unzugängliche Gebiete des Meeresbodens erschlossen – genau in dem Moment, in dem die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen rasant steigt. Das ist kein Zufall. Das Interesse der genannten Industrie nimmt deutlich zu. Technologien für die Energiewende, den Verteidigungssektor, die Digitalisierungsbranche und verschiedene andere Branchen sind auf diese Mineralen angewiesen.

Illustration des arktischen Tiefseebergbaus, die das strategische Interesse an kritischen Rohstoffen unter eisbedeckten Gewässern sowie die ökologischen und gesellschaftlichen Risiken des Meeresbodenabbaus veranschaulicht (KI-generiertes Bild)
Geschichte und aktuelle Dynamik
Die Idee des Tiefseebergbaus ist keineswegs neu. Sie entstand bereits in den 1960er-Jahren, gewann kurzzeitig an Bedeutung und geriet in den 1980er-Jahren aufgrund hoher Kosten und rechtlicher Unsicherheiten wieder in den Hintergrund. Heute ist sie zurück – neu verpackt als Bestandteil der „grünen“, digitalen und militärischen Transformationen. Interessanterweise spielt der Arktische Ozean in der Geschichte des Tiefseebergbaus eine besondere Rolle. Einst war er vor allem als Zinnquelle für die Sowjetunion bekannt. Heute rückt der Arktische Ozean erneut in den Fokus – nicht nur für Erkundungen, sondern auch potenziell als Schlüsselregion einer globalen Rohstoffstrategie. Norwegen hat in diese Richtung bereits weitreichende Schritte unternommen. Im Januar 2024 billigte das Land die Öffnung von 281.000 Quadratkilometern seines arktischen Festlandsockels für die Erkundung von Meeresbodenmineralen – einer Fläche, die größer ist als das Vereinigte Königreich. Auch wenn damit noch kein Abbau genehmigt wurde, markierte diese Entscheidung bereits einen bedeutenden geopolitischen und industriepolitischen Wendepunkt. Und doch wurden Norwegens Lizenzierungsverfahren bis Ende 2024 ausgesetzt. Die kleinere Regierungspartei blockierte den Budgethaushalt für 2025, und eine Klagen der Umwelt-NGO WWF gegen die Verfahrensweise von Umweltverträglichkeitsprüfungen ist noch anhängig. Damit befinden wir uns in einem Moment der Spannung – zwischen wirtschaftlichem Ehrgeiz und politischer sowie ökologischer Rechenschaftspflicht.

Der arktische Tiefseebergbau ist aus einer lange ruhenden Idee erneut zu einer aktuellen politischen und industriellen Debatte geworden. Norwegens Entscheidung von 2024 zur Explorationsfreigabe hat die Region zwischen Rohstoffambitionen und ökologischer Verantwortung positioniert (KI-generiertes Bild)
Den Bruchlinien folgen
Diese Studie, die diesem Artikel zugrunde liegt, beruht auf Recherchen in aktueller wissenschaftlicher Literatur, in politischen Dokumenten, rechtlichen Rahmenwerken und öffentliche Debatten, um nachzuzeichnen, wie sich der arktische Tiefseebergbau formt, noch bevor der Abbau überhaupt begonnen hat. Am deutlichsten trat dabei kein einheitlicher Fahrplan hervor, sondern vielmehr eine Reihe von Bruchlinien. Eine davon betrifft Governance. Aus juristischer Sicht gleicht der arktische Tiefseebergbau einem Flickenteppich: Küstenstaaten wie Norwegen beanspruchen unter dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) Rechte auf erweiterte Festlandsockelgebiete, die Internationale Meeresbodenbehörde (Interntional Seabed Authority, ISA) ist für Gebiete außerhalb nationaler Gerichtsbarkeit zuständig, und Übereinkommen wie OSPAR (Convention for the Protection of the Marine Environment of the North-East Atlantic), Espoo Konvention, das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) sowie der Spitzbergenvertrag überschneiden sich, ohne ein einheitliches System zur Regelung kumulativer Auswirkungen bereitzustellen. In der Praxis bleibt die Regulierung fragmentiert. Eine weitere Bruchlinie ist die Frage der Gerechtigkeit. Hinter den rechtlichen und technischen Debatten steht eine grundlegendere Frage: Wessen Ozean ist das eigentlich? Die Weltmeere gelten als globales Gemeingut, während die industrielle Fischerei auf gesunde Meeresökosysteme und indigene Völker für ihre Ernährung und das kulturelle Überleben auf die marinen Ökosysteme der Arktis angewiesen sind, wurden letztere jedoch bislang nur sehr begrenzt in die Governance des Tiefseebergbaus einbezogen. Die vorsorgeorientierte Logik des Übereinkommens zur Verhinderung unregulierter Hochseefischerei im zentralen Arktischen Ozean bietet hier eine wichtige Lehre: zuerst pausieren, gründlich erforschen und erst dann handeln, wenn die wissenschaftlichen Grundlagen ausreichen.

Die Perspektive auf den arktischen Tiefseebergbau macht zwei zentrale Bruchlinien sichtbar: eine fragmentierte Governance durch überlappende Rechtsregime sowie anhaltende Gerechtigkeitsfragen in Bezug auf indigene Teilhabe, Zustimmung und Vorausschau (KI-generiertes Bild)
Die Zukunft?
Wohin also steuern wir? Der nächste parlamentarische Zyklus in Norwegen könnte den Lizenzierungsprozess wieder in Gang bringen. Von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) wurde lange erwartet, dass sie ihren Rechtsrahmen für Bergbau bis 2025 fertigstellt, doch dieses Ziel wurde verfehlt. Die meisten Fachleute und Mitgliedstaaten gehen inzwischen davon aus, dass der Prozess weiter andauern wird, ohne Gewissheit, dass der Kodex bis Ende 2026 tatsächlich verabschiedet werden kann. Die EU fordert zwar ein globales Moratorium, finanziert aber gleichzeitig weiterhin Forschung zum Tiefseebergbau. Gleichzeitig sehen sich Unternehmen mit Klagen und Finanzierungsproblemen konfrontiert, wodurch ein kommerzieller Abbau in naher Zukunft eher unwahrscheinlich erscheint. Doch der Druck bleibt bestehen. Je stärker sich die „grüne“, digitale und militärische Transformation beschleunigt, desto weiter wird auch die Nachfrage nach diesen Mineralen steigen. Ob der arktische Tiefseebergbau einmal als Beispiel nachhaltiger Innovation gelten wird oder als weitere warnende Geschichte in die Erinnerung eingeht, hängt davon ab, was wir als Nächstes tun.

Die Zukunft des arktischen Tiefseebergbaus bleibt offen und wird von unvollständiger Regulierung, inkohärenten politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Unsicherheiten und dem Druck der rapiden gesellschaftlichen Transformationen geprägt (KI-generiertes Bild)
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Verfasst von Mag. Réka Marton.
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Über die wissenschaftliche Autorin
Mag. Réka Marton ist Mitglied der APRI Arbeitsgruppe „Social and Cultural Systems“.
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Literaturverzeichnis
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