Gletscher gehören zu den sichtbarsten Indikatoren des Klimawandels und ihr Rückgang schreitet weltweit voran. Heute, am 21. März, jährt sich erstmals der von den Vereinten Nationen ausgerufene Welttag der Gletscher. Der Aktionstag soll die zentrale Rolle von Eis und Schnee für das Klimasystem und den Wasserkreislauf in den Fokus rücken.
Der fortschreitende Gletscherschwund ist ein globales Signal mit weitreichenden Folgen. Anlässlich dieses Aktionstages bietet der vorliegende Beitrag eine kompakte Einordnung zentraler Entwicklungen: Zunächst gibt er einen Überblick über die weltweiten Veränderungen und die Bedeutung der Gletscher als Süßwasserspeicher. Anschließend richtet sich der Blick auf die Arktis, in der sich die Auswirkungen des Wandels besonders deutlich zeigen und Prozesse wirksam werden, die das globale Klimasystem maßgeblich beeinflussen. Abschließend wird anhand der österreichischen Forschungsstation im Sermilik Fjord in Ostgrönland veranschaulicht, welchen Beitrag gezielte Forschung vor Ort zum besseren Verständnis dieser Veränderungen leisten kann.

Abbildung: Der hier gezeigte Mittivakkat-Gletscher befindet sich in der Nähe der Forschungsstation Sermilik in Ostgrönland. (© Karl Steinegger 2024)
Die größten Süßwasserspeicher der Erde
Der Großteil des weltweiten Süßwassers ist in Gletschern und Eisschilden gespeichert. Würde man das gesamte Eisvolumen der Erde zu Kugeln formen und deren möglichen Beitrag zum Meeresspiegel berechnen, ergäben sich eindrucksvolle Dimensionen:
- Gletscher: Beitrag zum Meeresspiegel: ca. 0,3 Meter; Durchmesser der Kugel: 68 km
- Grönland: Beitrag zum Meeresspiegel: ca. 7 Meter; Durchmesser der Kugel: 177 km
- Antarktis: Beitrag zum Meeresspiegel: ca. 58 Meter; Durchmesser der Kugel: 372 km

Abbildung: Gesamtes Landeis unterteilt in die Kategorien Gletscher, Grönland und Antarktis, als Kugeln dargestellt; die Kugelgröße entspricht dem jeweiligen Anteil am Gesamtlandeis. (© Jakub Małecki)
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Gletscher weltweit seit dem Jahr 2000 rund 5 % ihres Gesamtvolumens verloren haben. Das entspricht einem jährlichen globalen Verlust von 273 Milliarden Tonnen Eis. Zwar sind alle Regionen von Eisverlust betroffen, doch unterscheiden sich die relativen Änderungen deutlich – von 1,5 % in der Antarktis bis zu 39 % in Mitteleuropa.“
The GlaMBIE Team 2025
Gletscherschwund – ein weltweites Signal
GlaMBIE steht für Glacier Mass Balance Intercomparison Exercise und ist ein internationales Forschungsprojekt. Es führt verschiedene Mess- und Auswertungsmethoden zur Gletschermassenbilanz zusammen, um eine konsolidierte Einschätzung der globalen Gletscherveränderungen der Jahre 2000 bis 2023 zu erstellen.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Gletscher weltweit seit dem Jahr 2000 rund 5 % ihres Gesamtvolumens verloren haben. Das entspricht einem jährlichen globalen Verlust von 273 Milliarden Tonnen Eis, mit einem Anstieg dieses Verlusts um 36 % von der ersten (2000–2011) zur zweiten (2012–2023) Hälfte des untersuchten Zeitraums. Zwar sind alle Regionen von Eisverlust betroffen, doch unterscheiden sich die relativen Änderungen deutlich – von 1,5 % in der Antarktis bis zu 39 % in Mitteleuropa (The GlaMBIE Team 2025)
Video: Über GlaMBIE – Glacier Mass Balance Intercomparison Exercise. (© ESA / Planetary Visions)
Gletscherschwund bis 2100 – abhängig vom Klimaschutz
Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass sich der Gletscherschwund im Laufe des 21. Jahrhunderts weiter fortsetzen wird. Ergebnisse aus einer 2024 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie (Zekollari et al. 2024) verdeutlichen, dass die Gletscher weltweit bis zur Mitte des Jahrhunderts bereits etwa 12–14 % ihres Volumens (bezogen auf das Volumen von 2015) verlieren werden – weitgehend unabhängig vom Emissionsszenario (SSP -Shared Socioeconomic Pathway). Bis zum Jahr 2100 hängt das Ausmaß jedoch stark von der weiteren Erwärmung ab: Unter einem ambitionierten Klimaschutzpfad wird ein globaler Verlust von rund 29 % erwartet, während bei anhaltend hohen Emissionen etwa die Hälfte des Gletschervolumens von 2015 (54 %) verloren gehen könnte. Insgesamt zeigen die Modellierungen, dass ein erheblicher Teil der Gletschermasse bereits als verloren gilt – das zukünftige Ausmaß hängt jedoch entscheidend von der Entwicklung der Treibhausgasemissionen ab. *

Abbildung: Entwicklung des globalen Gletschervolumens im 21. Jahrhundert im Vergleich zu 2015 (© Zekollari et al. 2024)
Alpen und Arktis: Parallelen und Unterschiede im Klimawandel
Messreihen aus Österreich und dem Alpenraum zeigen eine deutlich stärkere Erwärmung als im globalen Mittel, etwa doppelt so stark. Ein ähnlicher, noch ausgeprägterer Trend findet sich in der Arktis: Dort verläuft die Erwärmung drei- bis viermal schneller als im globalen Durchschnitt. Dieses Phänomen wird als Arktische Verstärkung (Arctic Amplification) bezeichnet.

Abbildung: Links: Temperaturabweichungen relativ zum klimatologischen Mittelwert von 1961–1990. Dargestellt ist die Veränderung der globalen (orange), arktischen (violett) und grönländischen (grün) Oberflächentemperatur im Vergleich zum Langzeitmittel von 1961–1990. Datenquellen: Die Temperaturabweichungen für die globale und die arktische Temperatur stammen aus dem HadCRUT-Datensatz des Met Office Hadley Centre/Climatic Research Unit (Morice et al. 2021), die Temperaturabweichung für Grönland stammt aus den „Climatic Research Unit gridded Time Series“ (CRU TS) (Harris et al., 2020). (© Grafik von Sonika Shahi). Rechts: Temperaturabweichungen relativ zum klimatologischen Mittelwert von 1961–1990 in Österreich. (© Grafik GeoSphere Austria).
Hauptursache ist die sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplung: Wenn Schnee- und Eisflächen zurückgehen, wird weniger Sonnenstrahlung ins All reflektiert. Die freigelegten dunkleren Wasser- und Landflächen absorbieren mehr Energie, erwärmen sich stärker und beschleunigen so die weitere Eisschmelze.
Während viele kleinere Gletscher, etwa in den Alpen oder auf Grönland, ähnlich auf die steigenden Temperaturen reagieren, kommen in den Polarregionen zusätzliche Massenverlustprozesse hinzu. Zum Beispiel kalben in Grönland und der Antarktis große Gletscher ins Meer. Darunter versteht man das Abbrechen großer Eisblöcke an der Gletscherfront.
Eine weitere Besonderheit der Polarregionen sind Schelfeisbereiche. Dabei handelt es sich um auf dem Meer schwimmende, große Eisflächen, die vom Inlandeis gespeist werden. Da sie bereits Wasser verdrängen, tragen sie nicht direkt zum Meeresspiegelanstieg bei. Sie wirken jedoch stabilisierend auf das dahinterliegende Inlandeis: Als eine Art natürliche Barriere bremsen sie dessen Abfluss ins Meer. Gehen Schelfeisflächen durch Schmelze oder Zerbrechen verloren, kann sich der Eisabfluss deutlich beschleunigen – und damit auch der Massenverlust des Inlandeises.
Arktis: Lokale Veränderungen globale Auswirkungen
Die im Vergleich zum globalen Mittel stärkere Erwärmung der Arktis hat globale Auswirkungen: Der Temperaturunterschied zwischen mittleren und hohen Breiten treibt den Jetstream an, ein Starkwindband, das unser Wetter maßgeblich beeinflusst. Nimmt dieser Unterschied ab, mäandriert der Jetstream stärker und wird langsamer. Die Folge können langanhaltende Wetterlagen wie Trockenperioden z.B. in Österreich sein.

Abbildung: Konzeptionelles Schema des Jetstreams. (© NOAA)
Was hat eine österreichische Forschungsstation in der Arktis damit zu tun?
Wie zuvor beschrieben, führen Veränderungen in der Arktis – etwa die beschleunigte Eisschmelze mit ihrem Beitrag zum Meeresspiegelanstieg oder die verstärkte Erwärmung mit möglichen Auswirkungen auf den Jetstream – zu globalen Folgen. Je besser wir die Prozesse in der Arktis verstehen, desto verlässlicher lassen sich auch ihre Konsequenzen für andere Regionen, etwa Europa, abschätzen. Eine Forschungsstation vor Ort bietet dafür entscheidende Vorteile: Klimaveränderungen lassen sich nur durch langfristige, möglichst kontinuierliche Messreihen erfassen. Gerade in Grönland, einem dünn besiedelten und Großteils schwer zugänglichen Teil der Arktis, schafft eine permanente Infrastruktur neue Möglichkeiten für systematische Beobachtungen.

Abbildung: Forschungsstation Sermilik. (© Andreas Trügler; Robert Galovic)
Zu diesem Zweck wurde im Sermilik Fjord in Ostgrönland, einem Ort mit Forschungstradition seit 1933, im Jahr 2023 eine österreichische Forschungsstation voeröffnet. Sie ermöglicht bewusst interdisziplinäre Forschung, da das Verständnis des Klimawandels nur im Zusammenspiel vieler Disziplinen gelingt – von der Glaziologie über die Meteorologie bis zur Ozeanografie und Anthropologie. Zugleich arbeitet die Station eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Die Menschen vor Ort sind unmittelbar von den Veränderungen betroffen und verfügen über wertvolles Wissen über Eis-, Schnee- und Umweltbedingungen. Dieses indigene und lokale Wissen wird gezielt in die Forschung eingebunden.
An der Station sollen auch Methoden aus der Alpenforschung auf die Arktis übertragen und weiterentwickelt werden. Durch neue Messansätze und innovative Technologien soll die Beobachtung der arktischen Kryosphäre verbessert werden. Auch Ausbildungsprogramme und Summer Schools werden an der Sermilik Station durchgeführt. So ist die Arktis nicht nur ein Brennpunkt des Klimawandels, sondern auch ein Lern- und Zukunftsraum für die nächste Generation von Forschenden.
*Die gezeigten Ergebnisse beziehen sich auf Modellierungen, die mit dem Open Global Glacier Model (OGGM) durchgeführt wurden.
Medieninformation
Verfasst von Iris Hansche, MSc.
Basierend auf dem Vortrag „Im Schatten des Klimawandels – Was bleibt vom ewigen Eis? Status und Zukunft der Gletscher der Welt“, der im Rahmen der Vortragsreihe „Science Talks“ an der Universität Graz am 21. März 2025 gehalten wurde.
Satz und Layout durch das APRI-Media Team.
Kontakt: Nützen Sie unser Kontaktformular.
Fotos: © wie in den Bildunterschriften angegeben; Titelbild: Iris Hansche.
Über den Autor
Iris Hansche ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an der Universität Graz.





