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Teil 2 der Entdeckung von Franz-Josef-Land vor 150 Jahren beschäftigt sich mit den wissenschaftlichen Ergebnissen der Payer-Weyprecht-Expedition, den daraus entstandenen internationalen Polarjahren sowie den Beiträgen der österreichischen Polarforschung zu Franz-Josef-Land nach dem Ende des kalten Krieges bis zur Eröffnung der österreichischen Polarforschungsstation „Sermilik“ in Ostgrönland im Jahr 2023. Österreichs Anteil an der Polarforschung war und ist beträchtlich!

Wissenschaftliche Ergebnisse der Payer-Weyprecht-Expedition

Obwohl das eigentliche Ziel der Expedition von 1872 – 1874 unter der Leitung von Julius Payer und Carl Weyprecht, die Nordostpassage und den Nordpol zu erreichen, nicht erfüllt wurde, konnte zumindest August Petermanns Theorie des offenen Polarmeeres nicht weiter aufrechterhalten bleiben. Der arktische Ozean um den Nordpol war ganzjährig von Meereseis bedeckt und mit den damaligen technologischen Mitteln per Schiff nicht erreichbar.

Darstellung eines eisfreien Polarmeeres nach der Theorie von August Petermann, Justus Perthes Verlag

Die Expedition entdeckte mit Franz-Josef-Land allerdings die erste große Landmasse nach ca. 300 Jahren Entdeckungsgeschichte in der Arktis. Man erkannte, dass es eine Meeresströmung von Nordost Richtung Südwest gab. Das hatte einen wichtigen Einfluss auf weitere Expeditionen, wie jene von Fridtjof Nansen, der 1892 – 1896 mit der Fram – ein für Eispressungen speziell konstruiertes Schiff, ähnlicher der Tegetthoff – genau diese Meeresströmungen nützte, um von Sibirien aus über den Bereich des Nordpols langsam Richtung Grönland zu driften.

Aus den von der Payer-Weyprecht-Expedition täglich vorgenommenen meteorologischen Messungen wurden gemeinsam mit den geloteten Wassertiefen und Wassertemperaturen an der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zum ersten Mal klarere Erkenntnisse über das Nordpolbecken veröffentlicht. Auch das Nordlicht wurde, verbunden mit geomagnetischen Messungen, beobachtet. An Proben wurden Fische und verschiedenste Meerestiere mitgebracht, die im Naturhistorischen Museum in Wien aufbewahrt werden. Einige sind im Rahmen der Sonderausstellung „Arktis – Polare Welt im Wandel“ zu sehen.

Payers Karten haben die Welt im Norden neu gezeichnet. Das Original seiner Franz-Josef-Land-Karte ist in der österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt. Payers Buch über die Expedition wurde bereits 1874 veröffentlicht und wurde zum Bestseller der Monarchie. Payer hatte viele Zeichnungen und Skizzen angefertigt, jeweils vom Standort der Tegetthoff oder während der Schlittenreisen, die der interessierten Öffentlichkeit ein konkreteres Bild des Archipels lieferten. 1875 erschien der erste Globus, auf dem Franz-Josef-Land eingezeichnet war.

Folgeexpeditionen nach Franz-Josef-Land

Schon vor der Entdeckung von Payer und Weyprecht gab es vermutlich um 1865 einen Bericht des norwegischen Robbenfängers Rönnebeck über eine Landsichtung östlich von Spitzbergen. Die genaue Lage wurde aber geheim gehalten, um die Fanggründe vor dem Wettbewerb zu schützen. Es ist nicht eindeutig nachweisbar, ob es sich um Franz-Josef-Land gehandelt hat. Nach der Expedition von Payer und Weyprecht kam es sechs Jahre später, im Sommer 1880, zur ersten Expedition nach Franz-Josef-Land durch den Briten Leigh Smith.

Franz-Josef-Land als Nordpol-Expeditionsbasis, Erinnerungstafel beim Überwinterungsplatz von Nansen und Johansen (Christoph Ruhsam)

Weitere Expeditionen von Briten und später auch von Amerikanern folgten. Eine wesentliche Expedition war jene von Frederick Jackson, 1894 – 1897, der große Teile des Archipels erforschte und kartografisch erfasste. Zur gleichen Zeit war der Norweger Fritjof Nansen mit der Fram unterwegs, deren Drift jedoch nicht über den Nordpol verlief. Daher verließ er das Schiff mit seinem Begleiter Hjalmar Johansen und versuchte über das Eis zu Fuß mit Schlitten und Kajaks den Nordpol zu erreichen. So wie Payer und Weyprecht mussten sie gegen die starke Meeresströmung ankämpfen, die deren Weg über das Eis Richtung Norden ständig zurück nach Süden schob. Es wurde ihnen klar, dass so der Nordpol nicht zu erreichen war, da ihr Proviant nicht ausreichen würde und der Winter bevorstand. Sie begannen den Rückweg nach Süden in der Hoffnung, bis nach Spitzbergen zu kommen, da die Fram weitergetriftet war und nicht zu finden gewesen wäre. Gegen Ende des arktischen Sommers wurden die Wasserstraßen größer und sie paddelten mit den Kajaks weiter bis sie Land erreichten. Die damaligen Karten und die Abschätzung des Längengrades ließen Nansen vermuten, dass sie in einem unbekannten Teil von Franz-Josef-Land von Norden kommend sein könnten.

Sie mussten einen ganzen Winter auf der Jackson Insel in einer aufgeschichteten Steinhütte verbringen, die mit Walrosshäuten gedeckt war. Eine unglaubliche Leistung, da man sich nur durch die Jagd auf Walrösser und Eisbären ernähren konnte. Im Frühsommer brachen sie weiter Richtung Süden auf und trafen unerwartet auf Frederick Jackson bei Kap Flora, der die beiden verwildert aussehenden Typen mit den legendären Worten: „You must be Nansen“ begrüßte. Ein Ereignis, das nur mit der Auffindung von Livingstone durch Stanley im tiefsten Afrika vergleichbar ist. 1990 wurde die Winterhütte von Nansen und Johansen von einer norwegisch-russischen Expedition gefunden. Bei den Resten wurde eine Erinnerungstafel angebracht. Weitere Expeditionen, um den Nordpol zu erreichen, folgten, blieben aber alle erfolglos. Franz-Josef-Land wurde dadurch ständig weiter erforscht und das Bild des Archipels vervollständigte sich.

Die Internationalen Polarjahre

Entscheidend für die Polarforschung war, dass Weyprecht erkannte, dass die vielen Messungen entlang der Driftroute keine wirklich wissenschaftliche Relevanz hatten, um ganzheitlichere Aussagen über den Zustand der Arktis zu ermöglichen. Es brauchte dafür Messungen an fixen Orten mit denselben Messinstrumenten zur gleichen Uhrzeit. Daraus entstand seine Idee des „Internationalen Polarjahres“. Die erste Umsetzung 1882 – 1883 erlebte er leider nicht mehr. Er verstarb 1881 an Lungentuberkulose. Österreich beteiligte sich am „Ersten internationalen Polarjahr“ mit Messungen auf der arktischen Vulkaninsel Jan Mayen, nördlich von Island. Meteorologische und geophysikalische Daten wurden zusammen mit 11 weiteren Nationen im Polarbereich verteilt über ein Jahr hin vorgenommen.

„Aber wie interessant all diese Beobachtungen auch sein mögen, sie besitzen nicht jenen wissenschaftlichen Wert, selbst wenn sie durch eine lange Reihe von Zahlen unterstützt werden, was unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Sie liefern uns nur ein Bild von den extremen Wirkungen der Naturkräfte, lassen uns aber völlig im Dunkeln, was ihre Ursachen betrifft.“

Carl Weyprecht

Wie ging es in Franz-Josef-Land weiter?

Russland und Norwegen zeigten beide Interesse an dem Archipel, bis er 1926 von Russland offiziell beansprucht wurde. 1912 – 1914 leitete Georgij Sedov eine Expedition, bei der er verstarb, es in der Folge aber in der von ihm erkundeten Tichaya Bay („stille Bucht“) zur ersten Polarstation der Russen auf Franz-Josef-Land kam, die bis 1960 ganzjährig in Betrieb war. In den Hochzeiten der Station waren jährlich bis zu 50 Personen wissenschaftlich tätig, zum ersten Mal auch Frauen wie Demme Nina und Kotovshchikova Natalia. Zwischen 1936 und 1956 kam es auch zu Geburten durch Frauen, die auf der Station tätig waren.

In den 1930-er Jahren kam es zu den letzten Versuchen, den Nordpol per Luftschiff durch Umberto Nobile und durch Graf Zeppelin von Franz-Josef-Land aus zu erreichen. Ab 1931 begann Russland, das Gebiet auch militärisch zu nützen, und riegelte es nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Ende der UdSSR 1989 nach außen hin komplett ab. Ab 1957 begann die neue Forschungsstation „Krenkel“ auf der Hayes Insel die alte Station in der Tichaya Bay abzulösen.

Nicht russischen Expeditionen gelang es jedoch nicht mehr, in Franz-Josef-Land Forschungsarbeit zu leisten, wodurch wertvolle Arktisforschung ausschließlich durch russische Forscher in russischsprachigen Publikationen veröffentlicht wurde. Russland errichtete Militärstationen wie Nagurskoye auf der Alexandra Insel als wichtige Abwehrstationen gegenüber dem Westen. 

Das zweite internationale Polarjahr 1932 – 1933 verbrachte das Forscherteam um Hanns Tollner und Prof. Wilhelm Schmidt 14 Monate lang in einer vierköpfigen Expedition wieder auf Jan Mayen. Die neue Station lag ganz in der Nähe der alten Station im nach dem großen Mäzen der Polarexpedition Graf Hans Wilczek benannten „Wilczek Tal“.

Zweites Internationales Polarjahr: Österreichische Forschungsstation auf Jan Mayen

Wiederentdeckung des Grabes von Otto Krisch

Nach dem Zerfall der UdSSR war es ab 1990 für westliche Expeditionen wieder möglich nach Franz-Josef-Land zu kommen. 1990 erreichte Susan Barr vom Norwegischen Polarinstitut mit einer norwegisch-russischen Expedition zum ersten Mal das Grab von Otto Krisch auf der Wilczek Insel. 1991 begab sich der Geograf Prof. Heinz Slupezky von der Universität Salzburg auf eine Expedition und besuchte das Grab als erster Österreicher nach Payer und Weyprecht, ohne davon zu wissen, dass es 1990 bereits durch Susan Barr und einige Tage vor seiner Ankunft von der Ice-Sail-Expedition des deutschen Arved Fuchs entdeckt worden war.

Auf der Suche nach dem Grab von Otto Krisch (Heinz Slupetzky)

Die österreichische Franz-Josef-Land-Forschung nach dem Ende des kalten Krieges

Der Österreichische Rundfunk ORF hat zu den Millenniumsfeierlichkeiten „1000 Jahre Österreich“ im Jahr 1996 insgesamt vier großangelegte Franz-Josef-Land-Expeditionen von 1992 – 1994 finanziert, aus dem die Filmdokumentation „Arktis Nordost“ entstanden ist. Ziel war die Payer-Weyprecht Expedition in allen Details nachzuvollziehen. Man hat keinen Aufwand gescheut, ist mit russischen Atomeisbrechern auch im Winter nach Franz-Josef-Land vorgedrungen und hat für die Filmaufnahmen sogar einen Nachbau der Tegetthoff in Originalgröße vor Ort aufgebaut und im Eis einfrieren lassen.

Das Expeditionslager wurde auf der Ziegler Insel angelegt. Die Verbindung zur Wissenschaft war Bestandteil des Projektes. Der Petrologe Prof. Wolfram Richter von der Universität Wien übernahm die Koordination der Nutzung des ORF-Basislagers für wissenschaftliche Expeditionen. Es kam in Folge 1996 zur Gründung der Payer-Weyprecht-Gesellschaft zur Förderung österreichischer Polarforschung. Eine erste Idee für eine Polarstation auf der Jackson Insel wurde vom Architekten Anton Schweighofer schon 1992 angefertigt. Nach den erfolgreichen wissenschaftlichen Expeditionen in verschiedenen Disziplinen ab 1995 wollte man 1997 noch einmal eine Expedition unternehmen. Sie kam aber wegen bürokratischer Hürden von Seiten Russlands nicht mehr zustande.

In den beiden Forschungsjahren wurden wesentliche Untersuchungen zur Geologie der Deckenbasalte des Franz-Josef-Landes von Prof. Richter vorgenommen. Es gab von anderen Forschungsgruppen Schneeuntersuchungen, bei denen man mit russischen Helikoptern auf die einzelnen Inseln flog und dort Ionenkonzentrationen maß. Im Vergleich mit alpinem Schnee erkannte man die Dominanz von Chlorid, das aus dem Meereswasser kommt, gegenüber Nitrat- und Schwefelionen in den Alpen, die von menschlichen Aktivitäten stammen. Biologische Untersuchungen in den Seen des kurzen arktischen Sommers wurden vorgenommen. Während der sehr kurzen Vegetationszeit von nur ein bis zwei Monaten kommt es rasch zu einem starken Bakterien- und Algenwachstum. Kartierung von Gefäßpflanzen zur Artenbestimmung wurden von einem weiteren Forschungsteam vorgenommen.

Durch die verschlechterten Beziehungen zwischen Russland und Österreich wurde das Projekt einer österreichischen Polarstation nicht verwirklicht. Erst im internationalen Polarjahr 2007 – 2008 war es bis dato ein letztes Mal für Österreicher möglich Forschung in Franz-Josef-Land zu betreiben. Im Rahmen des Projektes SMARAGD von der ZAMG (heute GeoSphere) und dem Joanneum-Research-Graz konnte Prof. Wolfgang Schöner, derzeitiger Direktor des österreichischen Polarforschungsinstituts APRI, zusammen mit zwei weiteren Personen im Rahmen einer touristischen Expeditionsfahrt Gletschermessungen auf der Koettlitz Insel und auf den Spuren von Payer, auf der McClintock Insel vornehmen. Es sollte der Massenhaushalt der Gletschersysteme untersucht und mit Satellitendaten auf Veränderungen ab den 2000-er Jahren verglichen werden. Man erkannte massive Verluste, die auf einer neu angefertigten Landkarte farblich dargestellt wurden.

Ein Ausblick auf die österreichische Polarforschung

Auf die Initiative von Prof. Andreas Richter und Prof. Wolfgang Schöner hin wurde das „Austrian Polar Research Institute“ APRI im Jahr 2013 als Nachfolger der Payer-Weyprecht-Gesellschaft gegründet. Seitdem ist das APRI als Dachorganisation zur Koordinierung österreichischer transdisziplinärer Polarforschung aller daran beteiligter Forschungseinrichtungen tätig.

Gründung des APRI 2013

Ab 2016 kam es durch die Initiative von Dr. Christian Palmers zur Überlegung, eine von ihm finanzierte Polarforschungsstation zu errichten. Wegen der Unwägbarkeiten in der Beziehung mit Russland wurde eine Polarforschungsstation in Franz-Josef-Land ausgeschlossen, was unter den aktuellen Umständen im Russisch-Ukrainisch-Westlichen Verhältnis als weise Entscheidung eingestuft werden kann. Mehrere Orte in Grönland wurden geprüft, bis sich die dänische Station „Sermilik“ in Ostgrönland als die beste Lösung für eine Erweiterung durch Österreich ergeben hat.

Langjährige glaziologische und meteorologische Messreihen, die Lage am großen Sermilikfjord zur Untersuchung mariner Ökosysteme und die Einbindung der lokalen ostgrönländischen Bevölkerung im Ammassalik-Distrikt sind ausgezeichnete Grundlagen für eine zukunftsorientierte Forschung in allen drei Schwerpunktsdisziplinen des APRI. 2023 wurde die Österreichische Polarforschungsstation in einer Voreröffnung der Wissenschaft übergeben. Damit ist eine österreichische Polarforschung unter internationaler Beteiligung an den Forschungsprojekten für die nächste Wissenschaftsgeneration gesichert. Was für eine ausgezeichnete Konsequenz der wagemutigen Expedition von Payer und Weyprecht vor 150 Jahren!

Media information

Verfasst von Christoph Ruhsam.
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Über den Autor

Christoph Ruhsam ist Media Officer des Austrian Polar Research Institutes. Er konnte 2012 nach Franz-Josef-Land reisen und vermittelt als passionierter Landschaftsfotograf seine Expeditionserfahrungen im Buch Frozen Latitudes. APRI-Direktor Wolfgang Schöner stellt darin die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge zwischen der Kryosphäre und dem Klima dar.

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