In diesem Gastbeitrag erörtert Prof. Erik Henriksen von der UiT The Arctic University of Norway, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse über die vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels zu gewinnen und sie Entscheidungsträger:innen auf lokaler und internationaler Ebene wirksam zu vermitteln.
Es handelt sich hierbei um eine Zusammenstellung eines Vortrags und eines Artikelentwurfs von Professor Erik Henriksen, die von der London Geological Society (GSL) veröffentlicht werden sollen.
Seine Studie zielt darauf ab, die vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen und Strategien für den Aufbau einer widerstandsfähigen Gesellschaft zu entwickeln. Darüber hinaus soll sie das Zielpublikum, darunter politische Entscheidungsträger:innen, Journalist:innen und die breite Öffentlichkeit, daran erinnern, dass das Klima nicht statisch ist. Im Laufe der geologischen Zeit hat es erhebliche Veränderungen durchlaufen. Eine zentrale Frage, die es zu klären gilt, ist, inwieweit menschliche Aktivitäten im Anthropozän für den Anstieg der globalen Temperaturen in den letzten 50 bis 100 Jahren verantwortlich sind und wie man sich auf die Folgen dieser Entwicklung einstellen kann.
Klimawandel – Auswirkungen auf den maritimen Sektor
Obwohl die Beispiele in dieser Studie aus der Barentssee-Region stammen, sind sie für die meisten Gebiete im hohen Norden relevant. Historisch betrachtet hat das Erdklima zwischen kalten (glazialen) und warmen (interglazialen) Phasen geschwankt. Das bedeutet, dass es über geologische Zeiträume hinweg stets natürliche Klimaschwankungen gegeben hat – auf das jüngere Klima der Erde wirkt jedoch der Einfluss menschlicher Aktivitäten im Anthropozän in erheblichem Maße zusätzlich ein.
Die weltweit steigenden Temperaturen führen dazu, dass das Meereis immer schneller schmilzt, was weitreichende ökologische, wirtschaftliche und geopolitische Folgen haben könnte. So verändern sich etwa die Wanderbewegungen von Fischen durch wärmeres Wasser, was sich direkt auf regionale Fischereien und die Lebensgrundlage betroffener Gemeinschaften auswirkt. Hinzu kommt, dass Algenblüten, die sowohl durch menschliche Einleitungen ins Meer als auch durch steigende Wassertemperaturen begünstigt werden, eine ernste ökologische Bedrohung für Küstengebiete darstellen können.
Das Abschmelzen des arktischen Meereises eröffnet neue Schifffahrtsrouten und schafft damit wirtschaftliche Chancen in der Region. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge vor Umweltzerstörung, einem erhöhten Unfallrisiko und möglichen Konflikten. Staaten konkurrieren um den Zugang zu neu erreichbaren Ressourcen und Schifffahrtswegen, was die internationale Zusammenarbeit im Klima- und Umweltschutz erschwert.

Der Arktische Ozean ohne das arktische Meereises führt zu neuen Schifffahrtsrouten für den maritimen Transport (Nordostpassage durch Pfeile gekennzeichnet). Die zunehmenden maritimen Aktivitäten in dieser Region erfordern verstärkte Aufmerksamkeit in der Arktis, in der Barentssee sowie entlang der norwegischen Küste. Die Öffnung dieser Seewege wird erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt, den allgemeinen Tankertransport, militärische Operationen, den Tourismus, die Fischereiindustrie und lokale wirtschaftliche Chancen haben. (© IBCAO-Karte, 2015, Abbildung modifiziert durch den Autor)
Außerdem setzt das Auftauen des Permafrosts in den umliegenden Gebieten Methan frei – ein starkes Treibhausgas, das den zukünftigen Klimawandel weiter verstärkt. Die Bewältigung dieser miteinander verknüpften Herausforderungen erfordert eine starke internationale Zusammenarbeit, um wirtschaftliche Interessen mit dem Schutz der Umwelt in Einklang zu bringen.
Die geopolitische Lage, zusammen mit völkerrechtlichen Rahmenwerken wie dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS), spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung dieser Entwicklungen und der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung in der Region.
Die neuen arktischen Seewege werden sich voraussichtlich weiter herausbilden und zu einem deutlich erhöhten Schiffsverkehr führen. Dies schafft zwar neue wirtschaftliche Chancen, erhöht aber zugleich den Druck auf Sicherheit und Vorsorge in der Region.
„Die weltweit steigenden Temperaturen führen dazu, dass das Meereis immer schneller schmilzt, was weitreichende ökologische, wirtschaftliche und geopolitische Folgen haben könnte.“
Erik Henriksen

Eine wichtige negative Folge eines wärmeren Klimas und menschlicher Einträge ins Meer ist die zunehmende Häufigkeit von Algenblüten (grüne Färbung), die die lokale Ökologie und Wirtschaft erheblich beeinträchtigen. Die Abbildung zeigt Beispiele aus der südlichen Barentssee, wo schätzungsweise 12.000 Tonnen Fisch verendet sind. (© Morten Smelror, 2019, Forskersonen.no, earthobservatory.nasa.gov)
Wichtige Aspekte sind unter anderem:
- Koexistenz und Überwachung der verschiedenen wirtschaftlichen Akteure in Verbindung mit militärischen Aktivitäten
- Aktualisierte Managementpläne und Regulierungen für die Erdölindustrie, die Fischerei und den Tourismus-Schiffsverkehr, unter Sicherstellung der Einhaltung internationaler Regelwerke wie UNCLOS
- Bewältigung der Risiken durch nicht registrierte, nicht versicherte Schiffe, die sowohl die Umwelt als auch die Sicherheit im Hohen Norden gefährden
- Verstärkte Überwachung der maritimen Aktivitäten
- Umsetzung wirksamer Vorsorge- und Notfallmaßnahmen auf Basis gut strukturierter Pläne mit kontinuierlicher Nachverfolgung und Aktualisierung

Beispiele für das Nebeneinander verschiedener Industrien und die Notwendigkeit der Verkehrskontrolle entlang des norwegischen Schelfs: Derzeit befinden sich über 90 Offshore-Petroleum-Anlagen entlang des norwegischen Festlandsockels, zum Beispiel die Heidrun-Produktionsplattform (1) (Foto: Elisabeth Sahl & Lizette Bertelsen 2025 © Equinor). Zusätzlich gibt es entlang der Küste eine bedeutsame Lachszucht-/Fischzuchtindustrie und eine intensive Fischerei (2) (Foto: Moen Marine AS). In der Arktis hat außerdem der Kreuzfahrtschiffsverkehr zugenommen. Dies wird unter anderem durch ein beinahe katastrophales Ereignis bei Hustadvika in Norwegen verdeutlicht, bei dem ein Kreuzfahrtschiff mit rund 1400 Personen an Bord beinahe gestrandet wäre (3) (Foto: Jan Helge Birkelund). Mit der Öffnung neuer Schifffahrtsrouten im Polararktis-Gebiet wird ein deutlicher Anstieg der maritimen Aktivität erwartet. Abbildung 4 (erstellt von Emil Kofoed, fiskeridirektoratet.no) zeigt den Tanker-Verkehr in der Region: – Hellblau markiert die Gesamtzahl der Tankerpassagen 2024/2025, – Grün markiert Bereiche mit besonders hoher Schiffsaktivität im gleichen Zeitraum, hauptsächlich durch Öl- und Gastanker sowie einige Chemikalientanker.
Klimawandel - Auswirkungen an Land
Klimatische Veränderungen und lokale Wetterbedingungen haben einen starken Einfluss auf Naturkatastrophen an Land.
Faktoren wie Temperaturschwankungen, zunehmende Niederschläge und menschliche Aktivitäten tragen zur Instabilität von Fels-, Erd- und Schneemassen bei. Beispiele hierfür sind häufige Schneelawinen, Steinschläge, Erdrutsche und Überschwemmungen aus höher gelegenen Regionen wie den Alpen oder den Gebirgszügen Norwegens, die zu Verletzungen und Sachschäden führen.
Der Bedarf an besseren gesetzlichen Regelungen, an Wissensvermittlung und an Vorsorgemaßnahmen, um eine widerstandsfähigere Gesellschaft aufzubauen, muss kontinuierlich weiterentwickelt werden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft spielt dabei eine wichtige Rolle, indem sie sicherheits- und vorsorgebezogene Erkenntnisse an Politik und Verwaltung vermittelt, damit Entscheidungen auf einer fundierten Wissensbasis getroffen werden.
Anpassung an den Klimawandel und dessen Management
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler:innen nähern sich natürliche Klimaveränderungen, die durch anhaltende menschliche Aktivitäten wie Treibhausgasemissionen und Abholzung erheblich verstärkt werden, einem kritischen „Kipppunkt“ und betreffen bereits die meisten Regionen der Erde (IPCC). Insbesondere die Arktis hat durch das Schmelzen des Meereises tiefgreifende geopolitische Veränderungen erlebt. Dadurch sind neue potenzielle Schifffahrtsrouten durch die Ararktis entstanden, darunter die Nordost- und die Nordwestpassage.
In der Barentssee-Region und entlang der norwegischen Küste haben die vielfältigen maritimen Industrien und militärischen Aktivitäten in Offshore-Gebieten bereits das Risiko negativer Zwischenfälle erhöht. Ähnliche Herausforderungen könnten auch in anderen arktischen Regionen auftreten.
Um diesen Risiken wirksam zu begegnen, ist es entscheidend, internationale Vorschriften zu stärken und die Zusammenarbeit zu fördern, Transparenz bei Offshore-Aktivitäten zu erhöhen und Überwachungssysteme auszubauen. Diese Maßnahmen unterstützen fundierte, wissenschaftsbasierte Managemententscheidungen und helfen, mögliche Folgen dieser Entwicklungen zu mindern.
In der wissenschaftlichen Gemeinschaft besteht weitgehend Einigkeit (IPCC, AGU Letters, Hald 2009, Jansen et al. 2020, Carruthers et al. 2026 u.a.), dass wir in der Arktis auf ein Klima mit wärmeren, niederschlagsreicheren und windigeren Wetterbedingungen zusteuern. Die zurückweichenden Gletscher in den Gebirgsregionen Norwegens und Europas zählen zu den sichtbarsten Indikatoren für einen höheren Durchschnittstemperaturwert. Dies hat mehrere Konsequenzen:
- Zunehmender Druck auf die arktische Umwelt und Ökosysteme
- Bedarf an stärkeren internationalen Vorschriften und vertrauensbildenden Maßnahmen
- Erhöhte Risiken von Lawinen, Muren, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen mit Verletzungen und Sachschäden
- Wasserkraft: Der Gletscherrückgang beeinflusst den Grundwasserspiegel und die Wasserverfügbarkeit für die Stromerzeugung
- Auswirkungen auf den Tourismus: Veränderungen der lokalen Temperaturen beeinflussen Landschaften, Schneeverhältnisse und Ökosysteme und stören die Tourismusbranche
- Notwendigkeit gezielter Managementpläne, Regulierungen und internationaler Zusammenarbeit
Zentrale Fragen zum Klimawandel
- Hat das Klima bereits einen irreversiblen Kipppunkt überschritten?
- Steuern wir langfristig auf eine neue Eiszeit zu (basierend auf geologischen Zyklen)?
Diese Studie unterstreicht die dringende Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit, evidenzbasierter Regulierung und proaktiver Vorsorge, um den Herausforderungen des Klimawandels in der Arktis und darüber hinaus zu begegnen.
Danksagung:
Ich möchte den Personen und Institutionen meinen Dank aussprechen, die mir freundlicherweise die Erlaubnis erteilt haben, ihre Fotos und Abbildungen als Illustrationen in diesem Beitrag zu verwenden, um so die vielfältigen schwerwiegenden Gefahren hervorzuheben, die der Klimawandel für die Gesellschaft mit sich bringt. Mein Dank gilt Peter Schweitzer und Birgit Sattler für die Einladung zur APRI-Generalversammlung. Ein herzliches Dankeschön an Christoph Rusham und Iris Hansche vom APRI für die Organisation der Manuskriptzusammenstellung gemäß den Standards des Austrian Polar Research Institute.
Literatur:
Brian Buma, Peter C Frumhoff, Stavroula SartzetakisSusan Natali, Alice Alprt, Josep Gili Canadell, Werner Kurtz, Emily Ury, Irene F Creed, Sara Knox, Zhen Zhang, Steve Hamburg, Brendan M Rogers, Christina Schaedel, Carly Phillips, Matti Goldberg, Kate Dooly, Carlos Afonso Nobre, Shs el Bandal, Meredith Holgerson, Pascal Badiou Benjamon Poulter AGU 2025, Warming-induced emissions solutions: Strategies for research and mitigating indirect human emissions from ecosystems. https://agu.confex.com/agu/agu25/meetingapp.cgi/Paper/1898864
Carruthers, J. G., Fowler, H. J., Bannister, D., & Guerreiro, S. B. (2026). Climate models tend to underestimate scaling of UK mean winter precipitation with temperature. Geophysical Research Letters, 53(3), e2025GL118201.
Hald, M. (2009). Past climate change and perspectives for archaeological research: Examples from Norway, Svalbard, and adjoining seas. Arctic Anthropology, 46(1-2), 8-16.
IPCC reports 2023, AR 6 Synthesis Report: Climate Change 2023. https://www.ipcc.ch/report/sixth-assessment-report-cycle/
Jansen, E., Christensen, J. H., Dokken, T., Nisancioglu, K. H., Vinther, B. M., Capron, E., Guo C., Jensen MF., Langen P.L., PedersenR.A., Yang S., Bentsen M., Kjær H.A., Sadatzki H., SessfordE., & Stendel M. (2020). Past perspectives on the present era of abrupt Arctic climate change. Nature Climate Change, 10(8), 714-721.
Meteorologic Institute of Norway 2021, https://www.met.no/vaer-og-klima/ny-normal-i-klimaforskningen.
Vaks, A., Mason, A. J., Breitenbach S. F. M., Kononov, A. M., Osinzev, A. V., Rosensaft, M., Borshevsky A., Gutareva O.S., & Henderson, G. M. (2020). Paleoclimate evidence of vulnerable permafrost during times of low sea ice. Nature, 577(7789), 221-225.
Medieninformation
Verfasst von Dr. Erik Henriksen
Satz und Layout durch das APRI-Media Team.
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Fotos: © wie in den Bildunterschriften angegeben; Titelbild: earthobservatory.nasa.gov
Über den Autor
Erik Henriksen ist Professor an dem Department für Technologie und Sicherheit der UiT – The Arctic University of Norway.













